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Beschreibung
Quelle: DIE ZEIT online 09.11.2007
Luther war ein Ossi
Franziska Günther, 21, pendelt jede Woche zwischen ihrem westdeutschen Studienort Bremen und ihrer ostdeutschen Heimat Waren Müritz. Ein Fahrtbericht
Bummelbahn, irgendwo zwischen Schwerin und Hamburg. Ein trüber Nachmittag, der Regen läuft in Streifen die Fenster entlang. Draußen ziehen Felder, Wälder, die Pampa vorbei. Diesen Anblick kenne ich, denn ich durchquere den Norden sehr oft ost- und westwärts. Während der Woche studiere ich Politik in Bremen. An den Wochenenden zieht es mich - als Ausgleich zum oft tristen Stadtalltag im Dunst der Becks-Brauerei - zu Freund und Familie in meine mecklenburgische Heimatstadt Waren Müritz.
Während ich mich auf der Fahrt nach Bremen auf eine Vorlesung zu Friedenstheorien vorbereite, durchbricht ein freudiger Ausruf die Stille: "Jetzt sind wir im Westen!" Der alte Herr im weinroten Fleece-Pullover mir gegenüber hat soeben die ehemalige innerdeutsche Grenze identifiziert und will seine Erkenntnis nun mit den übrigen Fahrgästen teilen.
So etwas kommt auf diesen Fahrten häufiger vor. Üblich ist an dieser Stelle höfliches Desinteresse der anderen, um keine ausufernden Diskussionen über ungleiche Löhne, Solidaritätsbeiträge oder gegenseitige Vorurteile vom Zaun zu brechen. Ich hoffe darauf, dass es auch dieses Mal dabei bleiben wird, aber der alte Mann ist mitteilungsbedürftig: "Dass die Grenze jetzt offen ist, nützt mir auch nicht mehr viel", sagt er. "Nun kann ich jeden Tag zur Reeperbahn fahren und werde trotzdem nicht jünger. Und meine Dirn wartet im Himmel auf mich. Ihr jungen Leute wisst gar nicht mehr, wie das früher war."
Nun, da hat er recht. Als ich vor einem Jahr nach Bremen umzog, traf ich als einer der dort schwach vertretenen Ossi-Studenten auf ziemliches Unwissen. "Wenn Du aus Mecklenburg bist, dann kannst Du doch sicher auch Sächsisch. Das ist doch die Landessprache im Osten." Glückwunsch! Soviel zu der Annahme, wir, die unwesentlich älter sind als das wiedervereinigte Deutschland selbst, seien aufgeklärt und hätten alle Klischees hinter uns gelassen.
Bei einem Mitstudenten aus Hannover dachte ich, das Ost-West Thema würde in unserem Small Talk keine Rolle spielen. Doch als ich von den Nationalparks in der Nähe meiner Heimatstadt berichtete, nickte er verständig und erzählte: "Letztes Jahr bin ich den Grenzstreifen entlang gewandert. Wunderschöne unberührte Natur habt ihr dort im Osten." Immerhin war er "meinen Landsleuten" – wie er sie nannte - freundlich gesinnt. Der Landschaft wegen.
Ich werde aus meiner Erinnerung gerissen, als der alte Mann im Regionalzug erneut das Wort ergreift. Er erklärt gerade, warum das Abteil heute so überfüllt ist: "Diese Woche ist Reformationstag. Im Osten ist das ein Feiertag und viele nehmen sich die Tage davor Urlaub." Ein Hamburger Schuljunge fühlt sich sichtlich ungerecht behandelt: Ihm steht eine reguläre Schulwoche bevor. "Im Westen ist das kein Feiertag, Kind", erklärt ihm seine Mutter. "Luther war nun mal ein Ossi."
Ich lasse das so im Raum stehen. Abgesehen davon, dass Luther tatsächlich aus Eisenach im heutigen Sachsen-Anhalt stammte, doch welches Bild muss der kleine Junge von Ost und West bekommen, wenn seine Mutter ein halbes Jahrtausend Geschichte durcheinanderbringt? Werden seine Assoziationen genauso verquer sein wie die einiger meiner Kommilitonen?
Osten. Luther. Grenzstreifen. Sächsisch?
Vielleicht bin ich auch nicht besser. Als damals Dreijährige konnte ich mir auch kein besonders umfassendes Bild der DDR aus erster Hand machen. Mein Eindruck vom Osten basiert auf Erzählungen, Büchern und winzigen eigenen Erinnerungsblitzen: Manche Verwandte hatten Unmengen an Süßigkeiten und Spielzeug im Schlepptau, wenn sie uns besuchten. Mir war damals unklar, woran das lag. Ich weiß nur, dass wir Kinder uns damals tierisch auf sie freuten.
Am Fenster fliegt bereits Hamburg vorbei. Großstadt, Westen. Eine Weile habe ich dort gelebt für die Dauer eines Praktikums. Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Kaum vorzustellen, eine Mauer hätte es mir heute nicht erlaubt, zu meinen Freunden nach Bremen zu fahren oder - wenn auch eher unfreiwillig - den Geschichten des alten Mannes in der Regionalbahn zu lauschen. Hätte ich in den Ferien durchs Brandenburger Tor joggen wollen, es wäre um einiges komplizierter gewesen!
Auch hätte mich am nächsten Morgen in meiner Bremer WG kein Eilpaket meiner Mutter erreichen können: "Kind, Du hast einen Uni-Hefter vergessen. Bei der Gelegenheit habe ich Dir noch ein paar Tafeln Schokolade dazu gelegt." Sie tut das gelegentlich. Westpakete aus dem Osten in den Westen. Oder einfach: Von Mecklenburg nach Bremen.
Entdeckt von LennoxLouis